Momentum Quarterly

/ 19. November 2023

Momentum Quarterly ist eine vierteljährlich erscheinende, begutachtete („peer review“)  Zeitschrift, die sich Fragen des sozialen Fortschritts auf interdisziplinärer Basis widmet. Untenstehend finden Sie die aktuelle Ausgabe von Momentum Quarterly. Alle hier vorgestellten Artikel werden Open-Access, d.h. frei zugänglich im Internet, veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie unter www.momentum-quarterly.org. Wir freuen uns stets über neu eingereichte Beiträge (siehe dazu die Richtlinien für Beitragseinreichung) und über Kommentare zu bestehenden Beiträgen. Sie erreichen uns unter editors@momentum-quarterly.org.

 

Vergeschlechtlichte Arbeitsteilung in der Corona Krise als „Backlash“? Was in der Diskurskoalition zwischen Sozialwissenschaften und Politik thematisiert wird – und was ausgeblendet bleibt

von Brita Krucsay

Als Folge der Lockdown-Regelungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie rückte im Jahr 2020 in Österreich die Familie erstmals als Produzentin „systemrelevanter Leistungen“ ins Licht der öffentlichen Wahrnehmung: Sozialwissenschaftliche und massenmediale Beiträge problematisierten den Widerspruch zwischen der Notwendigkeit und der gesellschaftlichen Bewertung und Sichtbarkeit „privat“ geleisteter und vergeschlechtlichter Reproduktionsarbeit. Der Beitrag rekonstruiert anhand der Karriere des soziologisch geprägten Terminus der „traditionellen Rollenbilder“, wie das potenzielle Konfliktfeld, das sich aus den getroffenen Maßnahmen und der empirisch dokumentierten Überforderung der Betroffenen ergab, diskursiv neutralisiert wurde, indem dessen kritische Stoßrichtung in gängige individualisierende und kapitalismuskompatible Bearbeitungsstrategien eingepasst wurde. Unter Bezug auf Erkenntnisse feministischer Ökonomie und Ideologiekritik wird rekonstruiert, wie unter Krisenbedingungen herrschende Mythen verfestigt werden, und danach gefragt, welche Rolle sozialwissenschaftliche Kritik dabei einnehmen kann.


Schlagworte: Corona-Maßnahmen, traditionelle Rollenbilder, Feminismus, Ideologie, Instrumentalisierung von Kritik

 

Monopolmacht und Wettbewerbspolitik als countervailing power in globalen Warenketten

von Christian Reiner

Globale Warenketten (GWK) sind ein zentrales Merkmal der Epoche der Hyperglobalisierung. Leitunternehmen aus den ökonomischen Zentren organisieren globale Produktionsnetzwerke und Lieferanten aus dem Globalen Süden produzieren gemäß deren Vorgaben. Die Vorteile daraus sind sehr ungleich verteilt. Ein wichtiger Grund hierfür ist die Verteilung von Monopolmacht entlang der Lieferkette. Der Artikel diskutiert die Frage, welche Maßnahmen zum Abbau dieser Machtasymmetrien beitragen könnten. Auf Basis von Markups, Profit- und Konzentrationsraten wird gezeigt, wie Leitunternehmen aus dem Globalen Norden ihre Marktmacht auf Absatz- und Beschaffungsmärkten auf Kosten der Zulieferunternehmen im Globalen Süden ausweiten konnten. Es wird untersucht, wie institutionelle und technologische Markteintrittsbarrieren, etwa durch den zunehmenden Einsatz von immateriellen Vermögensgütern, die dominante Position der Leitunternehmen schützen. Der Aufbau einer Gegenmacht (countervailing power) im Globalen Süden durch die Bildung von Genossenschaften oder Kartellen sowie eine regionale Integration und Wettbewerbspolitikwerden als mögliche Lösungsansätze kritisch diskutiert. Konflikte mit Leitunternehmen und deren Regierungen im Globalen Norden sind eine mögliche Folge solcher Strategien.


Schlagworte: Globale Warenketten, Monopolmacht, Rent-Seeking, Countervailing Power, Wettbewerbspolitik

 

Gesellschaftliche Naturverhältnisse im interkulturellen Dialog: Wie politische Ökologie aus China die Suche nach neuen Praxen der Transformation inspiriert

von Daniel Buschmann

In der deutschsprachigen Debatte um sozial-ökologische Transformation ist die Theorie der gesellschaftlichen Naturverhältnisse zu einer zentralen Problemdiagnose multipler sozial-ökologischer Krisen im Anthropozän avanciert– und zwar nicht nur unter Wissenschaftler*innen, sondern auch bei Aktivist*innen. Die daran anschließende brennende Frage nach praktischen Alternativen mündete unter anderem in die Forderung nach einer Demokratisierung der gesellschaftlichen Naturverhältnisse. Was genau dies jedoch für die Organisation einer Transformation bedeutet,ist bislang noch nicht zufriedenstellend beantwortet. Als Reaktion darauf sucht dieser Beitrag einen interkulturellen Dialog mit daoistischer Philosophie und diskutiert, inwiefern herrschaftsfreie beziehungsweise an-archische Naturverhältnisse eine Antwort auf die Frage nach der Praxis sozial-ökologischer Transformation darstellen. Der Beitragschluss folgert, dass Transformationen mit Handeln-durch-nicht-Handeln (wu-wei) organisiert werden könnten, und erkundet, was das in Theorie und Praxis bedeutet.


Schlagworte: Sozial-ökologische Transformation, gesellschaftliche Naturverhältnisse, kritische Theorie, Daoismus, interkultureller Dialog